Heil- und Pflegeanstalt Wehnen

Die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen (die heutige Karl-Jaspers-Klinik Wehnen) hat lange Zeit als psychiatrische Einrichtung in Deutschland gegolten, an der keine Euthanasie durchgeführt wurde. Dies entspricht allerdings nicht den Tatsachen: Schon etwa drei Jahre vor dem Beginn der Aktion T4 begann in Wehnen ein Euthanasieprogramm durch Aushungern von Patienten und vermutlich auch durch Medikamentengaben. Dazu kam die Überbelegung der Einrichtung ab 1939, als die auf 400 Betten ausgelegte Einrichtung nach und nach bis zu 1200 Patienten versorgen musste. Einen Höhepunkt erreichte die Sterberate der Patienten im Jahr 1945, als das Sechsfache des Normalwertes erreicht wurde. Schätzungsweise wurden insgesamt etwa 1500 Patienten in der Zeit des Nationalsozialismus in der Heilanstalt Wehnen gezielt getötet.

In den 1960er Jahren konsultierte eine der späteren Gründerinnen des Gedenkkreises Wehnen einen Psychiater, um nach der Diagnose der Krankheit ihrer einst in Wehnen verstorbenen Mutter zu fragen. Dabei geriet sie jedoch an Dr. Paul Moorahrend, einen der Ärzte, die für die Tötung dieser Frau verantwortlich gewesen waren. Er enthielt ihr die Informationen aus der Krankenakte vor. Erst Jahrzehnte später erfuhr die Tochter, dass ihre Mutter in Wehnen verhungert war und dass sie dieses Schicksal mit zahlreichen anderen Patienten geteilt hatte. Nachdem zunächst auf private Initiative hin Forschungen über die Vorgänge in Wehnen eingeleitet worden waren und der Historiker Ingo Harms sich gegen einige Widerstände z. B. aus dem Landeskrankenhaus der Thematik angenommen hatte, wurde 2005 an der Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg ein Forschungsprojekt eingerichtet, das der Vertiefung der Forschungen und der Aufarbeitung der Fälle gewidmet ist.

Etwa 2000 Euthanasie-Meldebögen aus Wehnen aus den Jahren 1940 bis 1944 konnten ausgewertet werden, weil in dieser Einrichtung die zunächst handschriftlich ausgefüllten Formulare zur Weitermeldung nach Berlin noch einmal abgetippt wurden. Während die in die zentrale Meldestelle nach Berlin verschickten Bögen nicht mehr existieren, sind die handschriftlich ausgefüllten Originale in Wehnen zusammen mit den übrigen Krankenakten erhalten geblieben. [Wikipedia]

Wikipedia Eintrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Pathologie_Wehnen

Gedenkstätte und Initiativkreis zur Aufarbeitung der Euthanasie-Verbrechen in Wehnen:
https://gedenkkreis.de  bzw.: https://www.karl-jaspers-klinik.de/Bildarchiv/Downloads/FlyerGedenkkreis.pdf

Gedenkstätte „Alte Pathologie“, Wehnen: https://geschichte-bewusst-sein.de/gedenkstaette-alte-pathologie-wehnen-bad-zwischenahn/

Dr. Alfred Fleßner, Dr. Ingo Harms: Die oldenburgische NS-„Euthanasie“ und ihre Opfer. : http://www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/46/harms-flessner.pdf

Gegenwind 154: Euthanasie in Wehnen: http://www.gegenwind-whv.de/euthanasie-in-wehnen/

Interview mit dem Oldenburger Hinstoriker Dr. Ingo Harms:
https://www.weser-kurier.de/bremen/die-meisten-aerzte-wussten-was-sie-taten-doc7e38qiyncgh105qt2n7f?reloc_action=artikel&reloc_label=/region/die-norddeutsche_artikel,-Die-meisten-Aerzte-wussten-was-sie-taten-_arid,1277658.html

Literatur: Ingo Harms, „Wat mööt wi hier smachten… – Hungertod und ‚Euthanasie‘ in der Heil und Pflegeanstalt Wehnen im Dritten Reich“ .Verlagsdruck und Verlagskooperative GmbH Osnabrück, Oldenburg 1996, 29,80 DM, ISBN 3-925713-25-5